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“Wir fordern von der Regierung und von dem Bundesgericht, dass der Gerichtsbeschluss, uns aus unserem Land zu vertreiben, nicht ausgeführt wird. Stattdessen verlangen wir, dass die Regierung unseren kollektiven Tod dekretiert und uns alle hier begräbt. Wir bitten ein für alle Mal darum, dass unsere Dezimierung und komplette Ausrottung verordnet wird und dazu, dass viele Traktoren hierhin geschickt werden, um ein großes Grab zu machen, worin unsere Körper geworfen und mit Erde bedeckt werden sollen.”

So geäußerten sich 170 Indianer der Ethnie Guarani-Kaiowá am 8. Oktober 2012 in einem Brief an der brasilianischen Regierung, nachdem sie die Nachricht bekommen hatten, dass das Bundesgericht ihre Ausweisung aus dem Land am Fluss Hovy im Zentrum Brasiliens geordnet hatte.

Die Geschichte Brasiliens ist die Geschichte der Vernichtung der indigenen Bevölkerungen, die auf dem Kontinent bereits vor der Ankunft der Europäer im Jahr 1500 lebten. Seit einem halben Jahrtausend wurden die Ureinwohnerinnen und Ureinwohner von den Kolonisatoren und Unternehmern versklavt, massakriert und aus ihren Gebieten vertrieben, sowie von jesuitischen Missionaren akkulturiert wurden. Mehrere Ethnien und Sprachen verschwanden. Die verbliebenen Gruppen müssen heute spärliche Reservate bewohnen. Erst nach der Demokratisierung des Landes in den 1980er Jahren wurden die irreparablen Verbrechen anerkannt, die an denUreinwohnerinnen und Ureinwohnern begangen wurden. So setzt die brasilianische Verfassung von 1988 fest, dass die indigenen Gebiete durch den Staat kartiert und geschützt werden sollen, um das Überleben dieser bedrohten Bevölkerungen zu gewährleisten.

Allerdings hat sich der Lauf der Geschichte in den darauf folgenden Jahrzehnten nicht stark verändert. Der Prozess der Kartierung der indigenen Territorien wurde – unter dem Druck von Großgrundbesitzern und der Agrarindustrie – nur langsam durchgeführt. Weil Brasiliens Indigene sich dem haltlos entfesselten Wirtschaftswachstum der Nation entgegenstellen, ein Wachstum, das vor allem auf der Expansion von Monokulturen und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen beruht, werden sie weiterhin massakriert und vertrieben von ihrem Boden, und werden nach wie vor durch die Kirche – dieses Mal die Evangelikalen – akkulturiert.

Die indigenen Völker erleiden zwei Formen von Gewalt: Auf der einen Seite sind sie Opfer der von Grundbesitzern organisierten Milizen, auf der anderen, vom Staat selbst. Das Bundesgericht neigt dazu, Großgrundbesitzer in Rechtsstreitigkeiten um Land zu begünstigen. Außerdem werden ihre Verbrechen meistens nicht bestraft. Mittels Rückendeckung durch das Gesetz vertreibt die Polizei die Eingeborenen mit Gewalt, während Morde an unzähligen indigenen Aktivisten unerklärt und ungestraft bleiben.

Auch in der Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff hat die Kartierung von Indianerland keine Priorität. Das Agrobusiness und der Ausbau der Monokultur von Zuckerrohr und Sojabohnen werden weiterhin auf Kosten der einheimischen Bevölkerung und der Umwelt bevorteiligt. Der Bau des Staudamms Belo Monte – dass das drittgrößte in der Welt sein wird – in der Mitte des Amazonas-Regenwaldes trotz der Proteste von Umwelt- und indigenen Organisationen und Wissenschaftlern, ist nur ein Beispiel dafür, dass die Regierung bereit ist, jeden Preis zu zahlen, um ihr wirtschaftliches Projekt für das Land ohne Verzögerung durchzuführen.

In ganz Brasilien ist die Kultur und das Leben vieler indigenen Gruppen gefährdet, aber die Situation der Guarani-Kaiowá (Bevölkerung von 43 000, die im Bundesland Mato Grosso do Sul leben) ist besonders schrecklich. Ihre Gebiete sind zu klein, um ihr Überleben zu sichern; die Natur um sie herum ist verwüstet und die Mordrate in der Region ist höher als in Kriegsgebieten. So sind die Raten von Alkoholismus und Selbstmord unter Kaiowá extrem hoch. Vor allem junge Menschen hängen sich oft auf an Ästen.

Das Bundesgericht hat mittlerweile den Räumungsbefehl am Fluss Hovy zurückgezogen. Die 170 Guarani-Kaiowá dürfen sich auf ihrem Land aufhalten, bis die Kartierung des Gebietes abgeschlossen ist. Allerdings sind diese Indianer nicht die Einzigen, deren Leben bedroht ist. Deshalb manifestieren heute in ganz Brasilien und im Ausland viele Aktivistinnen und Aktivisten, soziale Organisationen, um die brasilianische Regierung aufzufordern, dass der Prozess der Abgrenzung der indigenen Gebiete des politischen Willens bedarf, weitergeführt und so bald wie möglich abgeschlossen wird.

 

Mehr dazu:

Brasilianische Indios erbitten ihre Ermordung: http://www.dw.de/brasilianische-indios-erbitten-ihre-ermordung/a-16336427

Tötet uns alle, dann begrabt uns hier: Guarani-Appell vor Ausweisung: http://www.survivalinternational.de/nachrichten/8768

Indios drohen im Kollektiv zu sterben falls ihre Vertreibung von der Justiz verfügt wird: http://www.brasilienportal.ch/news/indio-indianer/3575-indios-drohen-im-kollektiv-zu-sterben-falls-ihre-vertreibung-von-der-justiz-verfuegt-wird.html

Brazil: The Cry of Resistance of the Guarani Kaiowá: http://globalvoicesonline.org/2012/10/25/brazil-guarani-kaiowa-indigenous-resistance/

Grüner Irrsinn: Äthanol: http://vimeo.com/32577382

 

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Vor der brasilianischen Botschaft in Berlin demonstrierten heute am Nachmittag Brasilianer und Brasilienfreunde gegen die gewaltsame Art und Weise, wie die Militär-Polizei die Räumung der Favela Pinheirinho in der Stadt São José dos Campos durchgeführt hat. Ziel der Demonstranten war es, die Aufmerksamkeit der deutschen Gesellschaft auf solche meschenrechtsenverletzende und von der Regierung des Bundesstaates São Paulo geforderte  Aktionen zu richten.

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1. Letzte Ereignisse

Am 8. November 2011 wurden Studierende der Universität São Paulo (USP) mit einem spektakulären Polizeieinsatz – zwei Hubschrauber, Kavallerie und 400 Polizisten – aus dem Verwaltungsgebäude vertrieben. Nach zwölf Tagen Besetzung wurden dreiundsiebzig Studierende auf die Polizeiwache gebracht und nur gegen Kaution freigelassen. Sie sind auf Sachbeschädigung verklagt worden. Anschließend traten die Studierenden der Universität bei einer mit über 3000 Menschen Vollversammlung in Streik.

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Am 8. November 2011 wurden Studierende der Universität São Paulo mit einem spektakulären Polizeieinsatz – zwei Hubschrauber, Kavallerie und 400 Polizisten – aus dem Verwaltungsgebäude vertrieben. Nach zwölf Tage Besetzung wurden dreiundsiebzig Studierende auf die Polizeiwache gebracht und nur gegen Kaution freigelassen. Sie werden auf Sachbeschädigung verklagt. Am selben Tag beschlossen etwa 3.000 Studierende der Universität bei einer Vollversammlung, in Streik zu treten. Die Ursache für die Besetzung des Verwaltungsgebäudes, sowie die wichtigste Tagesordnung des Streiks, ist genau die ostentative Präsenz der Militärpolizei auf dem Campus. In den letzten Jahren haben Konflikte zwischen dem Rektorat und der Studentenbewegung einen Höhepunkt erreicht, sodass es üblich wurde, die Militärpolizei zu rufen, um eine politische Krise zu lösen. Polizeiliche Unterdrückung politischer Bewegungen ist nichts Neues und sicherlich verstärkt sie sich in Zeiten der Krise und sozialer Unruhen wie jetzt. Das zeigt sich in den Demonstrationen in Chile, in Spanien, in den USA, in Griechenland und in England. Die Schnelligkeit und Leichtigkeit, mit denen Verbindungen zwischen den vier Ecken der Welt geschaffen werden können, sollte man zugunsten einer kollektiven Stimme gegen die Kriminalisierung von politischen Handlungen nutzen. Wir wollen hier über die Distanz und die unterschiedliche Situation hinweg Solidarität bekunden, in Unterstützung der Studierenden an der Universität São Paulo und in Absage an jede Form der Bestrafung von Einzelpersonen, wie es bei den  dreiundsiebzig Verhafteten nach der Besetzung des Verwaltungsgebäude der Fall ist.

16.11.2011